Kast: Das sprechende Schweinderl ist eine der größten Niederlagen für die Landwirte

Salzburger Bauernbund
Von Salzburger Bauernbund September 1, 2014 11:58

Interview – Jungbauern-Obmann Stefan Kast sprach mit der BauernZeitung über das Bild der österreichischen Landwirtschaft in der Öffentlichkeit und die Jungbauernförderung in der neuen Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP).

Wer verstärkt von Regionalität beim Lebensmitteleinkauf spricht, der sollte auch überlegen, wie man die Produktion im eigenen Land halten kann, erklärt Stefan Kast, Obmann der Österreichischen Jungbauernschaft.

Stichwort GAP-Reform: Wie zufrieden sind Sie mit dem Ergebnis der Verhandlungen?

Kast: Aus Sicht der Österreichischen Jungbauernschaft muss man nach Abschluss der intensiven Verhandlungen sagen: sehr zufrieden. Ursprünglich stand in der Zweiten Säule (Ländliche Entwicklung, Anm.) ein Minus von 30 bis 50 Prozent (%) im Raum und deshalb bin ich mit dem Ergebnis, einem Minus von rund drei Prozent, sehr zufrieden.

Hofübergabe: Ersten fünf Jahre sind entscheidend

Was für junge Landwirte wichtig ist, sind drei Kernelemente. Erstens bei den Direktzahlungen (Erste Säule, Anm.) das Top-Up von 25 % auf die ersten 40 Hektar. Das ist ein Plus von rund 70 Euro pro Hektar. Dieses Top-Up ist deshalb wichtig, weil es immer schwieriger wird, einen Betrieb zu übernehmen. Die ersten fünf Jahre sind dabei die entscheidenden, weil man sich in dieser Zeit neu ausrichtet. Diese Neuausrichtung braucht oftmals auch Geld. Da muss man unterstützend tätig sein.

In der Zweiten Säule gibt es ein Top-Up in Höhe von fünf Prozent für Investitionsförderungen. Man weiß, dass vor allem die jungen Landwirte investitionsfreudig sind. Das bringt Wirtschaftsleistung, Arbeitsplätze und Sicherheit im ländlichen Raum. Und wichtig ist vor allem die Existenzgründungsbeihilfe, die ja die Jungbauern immer gefordert haben. Dafür ist ein Stufenplan notwendig: 8000 Euro Grundbetrag je nach Arbeitskraftstunden, ein zusätzliches Top-Up für die Ausbildung (Meisterbonus) in der Höhe von 4000 Euro sowie bei grundbücherlichem Eigentumsübergang ein Bonus von 3000 Euro.
Das Ganze ist natürlich an Investitionen gebunden, denn niemand sollte Geld geschenkt bekommen, damit er es am Konto liegen hat. Damit muss gewirtschaftet werden, schließlich handelt es sich um öffentliche Gelder.

Wir sind nicht auf Almosen angewiesen

Wie reagieren sie auf Vorwürfe von außen, dass die Förderungen für Landwirte zu hoch dotiert seien?

Kast: Die Betriebe müssen so ausgerichtet sein, dass man diese Unterstützungszahlungen auch gesellschaftlich akzeptabel darstellen kann. Wir sind als Jungbauern nicht auf Almosen angewiesen. Aber wir Bauern – drei Prozent der österreichischen Bevölkerung – sollen 97 % der Bevölkerung miternähren.
Wenn man dabei immer mehr von Regionalität spricht, von Sicherheit und Qualität der Lebensmittel, dann braucht man auch die Produktion im eigenen Land. Das ist wichtig, denn wenn es heute keine Jungbauern mehr gibt, dann gibt es morgen keine alten Bauern und übermorgen gar keine Bauern mehr. Dann können wir die Produktion nicht mehr in unserem Land halten.
Ich betone immer wieder: Öpul ist nicht die einzig wirksame Maßnahme, sondern es zählt das Ganze, wie die Stärkung des ländlichen Raums. Das ist die Zukunftsformel und das ist mit der GAP-Reform sehr gut abgedeckt.

Es gibt für die neue Jungbauernförderung kein neues Geld. In der Ersten und Zweiten Säule werden die Mittel weniger. Das heißt, was die Jungbauern zusätzlich bekommen, geht woanders ab. Ist das ein Problem?

Kast: Bei einer Umstellung wird an vielen Schrauben gedreht. Da muss man fragen: Was ist der österreichischen Landwirtschaft wichtig? Ein Teil, der der österreichischen Landwirtschaft wichtig ist, sind sicher die jungen Landwirte. Das ist auch ein Nachhaltigkeitsprinzip: Wenn ich keine jungen Landwirte habe, dann hab ich bald gar keine mehr. Wer nicht in die Jugend investiert, der investiert vielleicht in andere Bereichen momentan richtig, aber langfristig wird das Ganze dann auslaufen. Bei einer Systemumstellung gibt es immer wieder Verschiebungen. Aber es bleibt ja trotzdem in der Landwirtschaft.

Von der EU-Kommission gibt es zahlreiche Anmerkungen zum Programm Ländliche Entwicklung. Rechnen Sie damit, dass inhaltlich für die Jungbauern alles so kommt, wie ursprünglich beschlossen?

Kast: Davon gehe ich aus. Das wurde alles zugesagt. Es ist keine Forderung dabei, die nicht umsetzbar wäre. Dass die Kommission Fragen zum Programm stellt, ist ein normaler Vorgang. Natürlich muss die Kommission das Programm hinterfragen. Es ist auch gut, dass das hinterfragt wird, schließlich geht es um öffentliche Gelder. Wir Jungbauern erfüllen konkrete Ziele, deshalb glaube ich nicht, dass es in diesem Bereich Änderungen geben wird. Sollte es wider Erwarten zu Änderungen kommen, dann zweifle ich wirklich an der Kompetenz.

Die Österreicher sind laut einigen Umfragen nicht sehr EU-freundlich. Die EU-Gegner haben die Mehrheit. Wie ist das bei den Jungbauern? Wie ist die Stimmung gegenüber der EU?

Kast: Unserer Großväter und Urgroßväter mussten noch im Krieg kämpfen. Das muss unsere Generation nicht. Die Europäische Union ist das größte Friedensprojekt, das wir jemals hatten. Das hat viel Not und Leid verhindert. Das ist das Entscheidende. Ein zweiter Punkt ist eine höhere Lebensqualität. Durch den freien Personenverkehr und die gemeinsame Währung ist die Lebensqualität in der EU gestiegen.

Kluft bei der Entwicklung der Regionen schließen

Und drittens: Man sieht ja, wie viele Gelder von der EU nach Österreich rückgeflossen sind, obwohl wir de facto Nettozahler sind. Besonders in strukturschwächeren Regionen, wie etwa im Südburgenland oder der Südsteiermark, wurde mit diesen Geldern viel geschaffen. Die Kluft zwischen besser und schlechter entwickelten Regionen zu schließen, ist wichtig. An ehemaligen Ostblockländern sieht man, wie schnell ein Entwicklungsunterschied entstehen kann.

Oft ist in Österreich die Rede von Politikverdrossenheit und Unzufriedenheit mit der EU. Wie sehen Sie das?

Kast: Hand aufs Herz: Die Verantwortung wird immer nur nach oben verschoben: von Gemeinde- auf Landes-, von Landes- auf Bundes- und von Bundes- auf EU-Ebene. Aber es gibt oberhalb der EU keine Instanz mehr. Das ist etwas heuchlerisch an der heutigen Politik.

Vom Austausch auf EU-Ebene profitieren

Für uns als Jungbauern war Elli Köstinger das Beste, was uns passieren konnte. Weil wir eine starke Stimme in Brüssel hatten und für die nächsten Jahre haben werden. Sie weiß, wie die Politik und die Menschen in Brüssel ticken. Kennt man sich dort aus, kann man vom Austausch stark profitieren. Ich weiß das, weil ich als Obmann der Österreichischen Jungbauernschaft auch Österreichs Vertreter im Europäischen Rat der Junglandwirte bin.
Ich glaube auch, dass die Darstellung der EU in Österreich öfter so sein müsste, wie sie es das halbe Jahr vor der Europa-Wahl war. Dann wären die Menschen besser aufgeklärt und würden auch zur EU ganz anders stehen.

Im Nationalratswahlkampf vergangenen Herbst wurde die Forderung nach Fachhochschulen für Land- und Forstwirte laut. Jetzt ist es eher ruhig um dieses Thema. Wie ist hier der Stand der Dinge?

Kast: Ruhig ist es nicht um dieses Thema, es gibt interne Diskussionen. Jeder weiß, wenn man in einer Koalition ist, muss man die Dinge mit dem Regierungspartner absprechen. Einfach nur laut zu poltern, halte ich nicht für die richtige Umgangsform. Die Landwirte sind immer besser ausgebildet: zehn Prozent sind Akademiker, 50 Prozent haben die Facharbeiterausbildung, immer mehr haben den Meisterkurs und die Matura.

Eine gute Ausbildung ist ein Faktor für Erfolg

Man muss sich in der Landwirtschaft flexibel ausrichten. Eine gute Ausbildung ist sicher ein wichtiger Faktor für Erfolg. Ich nenne immer ein Beispiel: Wenn ich durch eine spezielle Ausbildung, durch eine spezielle Veredelung, den Preis meines Produktes in die Höhe treiben kann, dann brauche ich langfristig gesehen auch keine Flächenunterstützung mehr.

Ich glaube, weit, weit in der Zukunft sollten wir vom derzeitigen System nicht mehr abhängig sein. Denn wir können nicht einer ganzen Berufsgruppe Sorgen bereiten, unter dem Motto: Wenn der Koalitionspartner nicht mitspielt, kommt es zu Existenzängsten. Das kann und darf man einer Berufsgruppe nicht antun. Das tut man keiner Berufsgruppe an, und das sage ich ganz vehement: so etwas darf man den Bauern nicht antun. Wenn es daher den x-sten Lehrgang für Wirtschaft gibt, dann ist es auch die Politik der Gesellschaft schuldig, dass es einen weiteren Lehrgang gibt, und zwar für die Lebensmittelproduktion, und da gehört auch die Landwirtschaft dazu.

Wie ist der Stand der von der Jungbauernschaft kürzlich gestarteten Schulbuchoffensive?

Kast: Wir haben viel Resonanz bekommen. Ein Beispielsatz aus einem Schulbuch war: „Massentierhaltung – Der Bauer, der nur mehr auf sein Geld schaut“. Im Endeffekt wird diese „Geiz-ist-geil-Mentalität“ selbst generiert, genau durch solche Sachen. Wenn ein Konsument beim Einkauf nur nach Billigfleisch sucht, dann kommt dieses Fleisch größtenteils aus dem Ausland. Würde sich der Konsument die Produktion dort ansehen, dann würde er laut aufschreien und dieses Produkt nicht mehr kaufen.

Deshalb haben wir gesagt: Ansetzen muss man in der Schule. Es muss das Bild der Landwirtschaft so dargestellt werden, wie sie wirklich ist. Das sprechende Schweinderl ist eine der größten Niederlagen, die der Landwirtschaft in den letzten Jahren zugefügt wurden.

Hat die Landwirtschaft nicht gut davon gelebt, dass sie romantisch dargestellt wird?

Kast: Man kann die Landwirtschaft in gewissem Maße romantisch darstellen. Aber Schulbücher sind öffentlich gefördert, da muss drinnen stehen, wie die Landwirtschaft wirklich ist. Bei Geschichtsbüchern ist das einfacher. Ein Krieg war zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort.

Aber wenn ich beschreiben muss: Was ist biologische, konventionelle oder nachhaltige Landwirtschaft, dann ist das schwieriger. Deshalb haben wir diesen Aufruf gestartet. Jeder, der Zugang zu Schulbüchern hat, soll uns seine Beiträge zuschicken, damit wir feststellen können: Was steht eigentlich in unseren Schulbüchern? Welche Informationen werden weitergegeben? Man muss schon von klein auf die Erwachsenen der Zukunft sensibilisieren.

Die Erwachsenen von morgen sensibilisieren

Was ist Landwirtschaft und wo begeben wir uns hin? Wir können nicht nur in den Tag hinein leben. Wir müssen dieses Thema von Grund auf angehen. Wir haben bereits gute Kontakte zur Wirtschaftskammer und zu den Schulbuchverlegern. Wenn wir es mit dieser Aktion schaffen, das Bild der Landwirtschaft in den Schulbüchern richtigzustellen, dann werden die Erwachsenen von morgen auch wissen, wie wichtig eine regional produzierende Landwirtschaft ist und wie man nachhaltig damit umgeht.

Was ist das Schönste daran, ein Jungbauer zu sein?

Kast: Das Schönste daran ist sicher die Arbeit in der Natur. Schön ist es auch, den Jahresverlauf zu beobachten: Wenn man sich das ganze Jahr bemüht hat und dann die Ernte einbringen kann, und dann auch noch davon leben kann oder damit wirtschaften kann… Man hat das Gefühl: Da schafft man etwas, da bringt man etwas weiter und da ist auch ein gewisser Stolz dabei. Stolz zeichnet auch unsere Jungbauernschaft aus.

Interview: C.D./E.Z.

Zur Person

Der 31-jährige burgenländische Jungwinzer Stefan Kast ist seit April 2012 Bundesobmann der Österreichischen Jungbauernschaft. Kast ist wohnhaft in Neusiedl am See und hauptberuflich Büroleiter von Agrarlandesrat Andreas Liegenfeld. Weiters ist Kast auf kommunaler Ebene als Gemeinderat und ÖVP-Stadtparteiobmann aktiv. Seit vergangenen Jänner ist er auch einer der Stellvertreter von Bauernbund-Präsident Jakob Auer.

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